• Anna Mayr,
  • Journalistin
  • Über
  • Wie ich durch Banane-Nutella-Pfannkuchen erwachsen wurde. Ein Bildungsroman.

    Es gibt viele Geschichten über meinen Opa, die meisten hat er mir selbst erzählt. Eine ist hängen geblieben. Angeblich hat er mal bei einem Gespräch mit irgendeiner von mir weit entfernten Verwandten gesagt: >Schaff dir ein Umfeld, in dem du leben kannst.< Und am nächsten Tag ist sie von zuhause abgehauen.

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    Hello, beauty.

    Ich habe Kondensmilch mit Wasser gemischt, um Milch zu simulieren. Ich besitze keinen Mixer und keinen Pfannenwender und eine Pfanne eigentlich auch nicht. Nur einen Wok, in dem alles anbrennt. Es ging trotzdem.

    Pfannkuchenbacken ist keine löbliche Leistung. Aber wenn es um Dinge geht, die man mit den Händen macht, bin ich nie über die Reflexionsfähigkeit einer Vierjährigen gewachsen. Was ich selbst erschaffe, finde ich naiv-uneingeschränkt bemerkenswert.

    >Schaff dir ein Umfeld, in dem du leben kannst<, das ist so ein Satz, den ich nicht loswerde. Ein Gedankenohrwurm, ähnlich wie >Was zieh ich an, damit man mich besser sehen kann< (Grundschul-Straßenverkehrstraining) oder >Wherefore art thou, Romeo< (Shakespeare) oder >Mayonnaise ist kein Instrument< (Spongebob). 

    Und jetzt sitze ich hier, alleine, an einem Montagabend um halb 9 in einer krümeligen Küche. Ertränke Bananenstücke in einem Nutella-See, mit einem Brotmesser, das ich aus der Kölner Uni-Mensa geklaut habe. Beobachte die Familie in der Wohnung gegenüber, was unangenehmer geworden ist, seit ich die Mutter neulich ausversehen komplett nackt gesehen habe. Und sehe ein, dass es das ist; dass Pfannkuchen mit Nutella und Banane das Umfeld sind, in dem ich leben kann.

  • Über Couscous. Oder: Scheiße fressen

    Meine erste Begegnung mit Couscous fand auf einem Kindergeburtstag statt. Ich war selbst noch ein Kind, und deshalb wehrlos. „Was ist das?“ fragte ich beim Blick in die große, violette Plastikschüssel. „Couscous-Salat“ sagte man zu mir, als wäre das eine Erklärung. Ich legte einen Klecks von der Masse, die mich an feuchten Sand erinnerte, auf meinen recyclebaren Kindergeburtstagsteller. Die nächsten zehn Minuten verbrachte ich damit, Gurken, Tomaten und Paprika vorsichtig mit der Gabel von den komischen Körnern mit dem fremden Namen zu befreien.

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    Was ich über eure Couscous-Salate denke.

    Damals war Couscous als Nahrungsmittel noch ausschließlich Reformhauskäufer_innen vorbehalten. Leider ist das nicht so geblieben. Couscous ist in. Couscous ist einfach. Couscous ist billig. Couscous ist schnell gemacht. Couscous ist gesund. „Mit Couscous kann man einfach so viel kochen.“ Couscous hat weniger Kohlenhydrate als. Couscous mag einfach jede_r. 

    Couscous ist ein Party-Essen für Leute, die ihr Leben nicht genießen können. Couscous ist eine lächerliche Ausrede für eine Sättigungsbeilage. Couscous ist der Dinkelbrei einer Generation, die alles hat, aber nichts besitzen will. 

    Couscous ist wie Fitnessstudio, vegane Schokolade oder Handjobs. Man bekommt Muskeln, man erfüllt das Nachtisch-Ritual, man kommt. Ein Bedürfnis wird erfüllt. Aber die Sache weist nicht über sich selbst hinaus. Couscous ist Symbol für alles, was in unserer Gesellschaft falsch läuft.

    Couscous ist nur Selbstzweck. Es ist sauber, sinnvoll, nützlich. Und nützliches Essen ist ein Mario-Barth-Witz. Kurz gelacht, Humorbedürfnis befriedigt und ab zurück ins langweilige Kackleben, wo man seine Freundin ehrlich scheiße findet und keiner lacht darüber. Astronaut_innen, Bergsteiger_innen oder Leistungssportler_innen sind die einzigen Milieus, die nützliches Essen gerechtfertigt zu sich nehmen. 

    Niemand isst gerne Couscous, genau so wie niemand gerne auf Papier kaut oder sich Holzspäne in die Ohrmuschel einführt. Natürlich kann man Couscous so stark würzen, bis es nach irgendwas schmeckt. Man kann auch Papier in Bier einweichen oder Holzspäne in Watte wickeln. Aber warum? Worin besteht die Notwendigkeit? Warum füllt man nicht die ganze violette Schüssel mit dem guten Stoff, anstatt den Salat mit Couscous zu strecken wie ein tschechischer Drogenhustler?

    Irgendwann haben die Reformhauskäufer_innen angefangen, Couscous-Salate zu Partys mitzubringen. Und alle dachten: Mensch, das schmeckt nicht so richtig gut und sieht auch nicht schön aus, aber ich habe keine Ahnung, woher es kommt und wieso. Das muss besonders gesund sein. Die Couscous-Verschwörung hat ihren Ursprung in einem unsympathischen Exotismus, der sich zu einem verlogenen, gesamtgesellschaftlichen Teufelskreis entwickelt hat. Couscous ist die größte Lüge, die wir uns je gegenseitig erzählt haben.